Was ist eine Steuerkanzlei wert?

by Pfab Philipp / 05 Juli 2012 / No Comments

Im Rahmen einer Scheidung muss in der Regel auch das Vermögen der Beteiligten auseinandergesetzt werden. Die einzelnen Vermögensgegenstände sind hierbei zu bewerten. Das ist noch relativ einfach bei einem 100-Euro-Schein. Es wird aber dann schwierig, wenn der Wert z. B. einer Steuerberaterkanzlei ermittelt werden soll.

Streit gibt es hier immer wieder über die Berechnungsmethode, da das Gesetz keine bestimmte Berechnungsmethode vorsieht.

Man könnte von einem Umsatzwertverfahren ausgehen. Hierfür würde man einen durchschnittlichen Jahresumsatz ermitteln und diesen mit einem Faktor multiplizieren. Der Faktor hängt ab von Nachhaltigkeit, Mandatsstrukturen, Personalstand, etc. Der Faktor liegt in der Regel zwischen 0,5 und 2,5.

Ein Nachteil des Umsatzwertverfahrens ist, dass an sich der Abzug von Kosten nicht vorgesehen ist. Allerdings können natürlich (mit dem Faktor) Wertkorrekturen vorgenommen werden. Der BGH hat in seinem Urteil vom 02.02.2011, Az.: VII ZR 185/08 (das Urteil im Wortlaut finden Sie hier) jedoch eine andere Berechnungsart gebilligt: Das sogenannte modifizierte Ertragswertverfahren.

Hiernach wird der Jahresüberschuss (also die Einnahmen abzüglich der Kosten) ermittelt. Von dem Ergebnis wird noch ein kalkulatorischer Unternehmerlohn abgezogen und am Ende berechnet, welche Steuern bei einem Verkauf der Praxis anfallen würden, auch diese werden noch abgezogen.

Das modifizierte Ertragswertverfahren ist, so der BGH nunmehr, für die Bewertung freiberuflicher Praxen generell vorzugswürdig.

Kalkulatorischer Unternehmerlohn
Der BGH berücksichtigt einen, den individuellen Verhältnissen entsprechenden, Unternehmerlohn. Dieser wird bemessen nach dem Gehalt eines angestellten Steuerberaters und um individuelle Faktoren bereinigt (Übernahme des unternehmerischen Risikos, Umfang der Leistungsbereitschaft, zeitlicher Arbeitseinsatz und Spezialkenntnisse – zzgl. soziale Absicherung).

Latente Ertragsteuern
Der so ermittelte Wert ist jedoch dann um die sogenannten latenten Ertragssteuern noch zu bereinigen. Dies sind Steuern, die im Falle eines Verkaufes anfallen würden. Für den Zugewinnsausgleich muss eine stichtagsbezogene Bewertung mit dem wahren wirklichen Wert vorgenommen werden, auch wenn die Kanzlei nicht verkauft werden soll.

Der wahre Wert schließt die Nutzungsmöglichkeit für den Inhaber ein. Nutzungsmöglichkeit bedeutet hier die Möglichkeit der Veräußerung. Da bei einer Veräußerung aber Steuern anfallen (können), muss dies auch bei der Bewertung berücksichtigt werden.

Der so ermittelte Wert ist nun in die Vermögensbilanz einzustellen und gibt die Grundlage für die Berechnung eines etwaigen Zugewinnausgleichs.

Spannend wird die Berücksichtigung der Entscheidung für Rechtsanwaltskanzleien. Die Rechtsanwaltskammern gingen bis dato immer von einem Umsatzwertverfahren aus. Nun sagt der BGH, dass das modifizierte Ertragswertverfahren für Freiberufler jedoch grundsätzlich vorzugswürdig sei. Da sind wir mal auf die ersten Entscheidungen gespannt.

About the author:

RA Pfab ist seit 2002 Rechtsanwalt.
Als Fachanwalt für Familienrecht berät er vor allem zu Unterhalt und Vermögensauseinandersetzungen und Scheidungen.
Mit dem Fachanwaltskurs für Erbrecht ist er für Beratungen zum Erben gerüstet: vor einem Erbfall bei Gestaltungen (Testament) und nach einem Erbfall bei der sinnvollen Regelung des Nachlasses.

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